Lyrik und Sound

Kategorie: Denken (Seite 4 von 9)

Zu klein

Zu klein ist uns hier diese Erde,
wir haben sie in Stücke zerbrochen,
durch uns verlor sie ihre Würde,
wir haben unsere Heimat erstochen.

Zu klein für unseren Neid, die Gier,
den Drang, es allen anderen zu zeigen.
Wir bleiben Affen, kurzsichtiges Tier,
wir drehen auf, anstatt zu schweigen.

Zu klein ist unser ganzes Denken,
zu klein die Demut vor der Welt.
Die Welt, sie soll uns alles schenken,
soll schenken, tun, was uns gefällt.

Die Welt, sie hat sich nie gewehrt,
erfühlt uns immer noch nicht.
Wir rauben sie aus, sie wird verheert,
wir verstehen, beachten sie nicht.

Wir sind und waren immer zu klein,
sie zu umfassen, zu verstehen.
Ja, unsere Größe war immer nur Schein –
wir werden bald zugrunde gehen.

Illusion

Blau ist der Himmel.
Wunderschön wölbt er sich über Stuttgart.
Frühling. Ich freue mich.
Alles scheint gut zu sein.

Ich weiß schon, dass das nur ein Traum ist,
dass Leid überall auf uns Menschen prasselt.
Ja, es ist nichts mit der Ordnung hier.
Furchtbar ist das.

Ich will weg.
Einfach weg von hier.
Der blaue Himmel ist eine Fata Morgana.
Aber er macht etwas mit mir,

streichelt mich so sanft.
Ich will alles vergessen, was diesen
blauen Himmel zu einer Zumutung,
einem Ärgernis macht.

Für sich allein und isoliert
küsst er mich so zärtlich,
und die Kanonen werden nicht schrecklicher,
wenn ich nicht an sie denke.

Einen Halt, einen Witz braucht man einfach.
Ich will raus, unter dem blauen Himmel stehen.
Ich verkünde eine neue Welt,
eine gerechte, großzügige Welt.

Eine Welt, wie sie nicht ist.
Ich verkünde sie trotzdem.
Ich rufe die gute Welt aus,
die warme, heiße Welt der Liebe.

Das wird nichts ändern,
macht aber auch nichts schlimmer.
Schlimmer sollte es dadurch nicht werden.

Wurm

Ich bin ein kleiner Wurm,
ein kleines pralles Ding,
das sich in der Welt,
im Netz des Seins verfing.

Mein Leben ist kein Auftrag,
Gott hat mich nicht angestellt,
Ich weiß, dass nach dem letzten Tag,
mein Körper verwest und zerfällt.

Mein Leben hat auch keinen Zweck,
nichts weist von mir weg,
zu irgendetwas anderem hin.
Ich weiß nur, dass ich bin.

Ich weiß nur, dass ich bin und lebe
und mich freut das sehr,
dass ich dieses Leben liebe.
Ich halt’s hoch, es ist nicht schwer.

Nichts tun!

Je mehr wir tun,
umso größer das Scheitern
wir sollten mehr ruhen
nur Betten erweitern.

Der wilde Konsum
vergiftet uns,
jeder Boom
verheizt uns.

Egal was wir bauen
alles zerfällt
Habt kein Vertrauen
mehr In diese Welt.

Hier müssen wir sehr sorgsam sein
Jede Ungeduld zerstört
Pfleg jeden Garten und Hain
sehr langsam, sehr, sehr abgeklärt.

Ruhe braucht das Leben
– eine gemütliche Welt
– keinen Dauerregen
aus Krisen, wenig Geld.

Tanzt! Versucht es zumindest,
die Welt sagt dazu nicht nein.
Sucht, ob ihr einen Ausweg findest
und prescht in die Lücken hinein.

Wir brauchen vor allem viel Humor,
um unter dem Galgen zu lachen.
Das kommt einem nie spaßig vor,
trotzdem muss man es machen.

Ohne Humor geht alles bankrott.
Feiern wir! – Mitten in der Wüste,
feiern wir mit Teufel und Gott,
auf öden Bergen, an windiger Küste.

Feiern wir ganz bescheiden,
mit dem, was unser Körper trägt,
und allen Prunk, das Fressen vermeiden,
weil es auf den Magen schlägt.

Ganz sanft sein und beweglich
und nackt und auch mal scharf.
Vielleicht die Sprache – anzüglich,
sagen, was man nicht sagen darf.

Allem aber entkommen,
was zu viel Energie bewegt.
Nicht mehr als drin ist entnommen,
die Welt gepflegt, gehegt!

Nicht ausgebeutet, aufgerissen,
das macht nur sehr viel Staub.
Sonst wird zu viel mit eingerissen,
irgendwann endet jeder Raub.

Und dann ist alles leer,
und nichts, gar nichts bleibt übrig,
Überleben ist unendlich schwer,
das Kapital – zu umtriebig!

Das Kapital – ein Turbo, ein Rotor,
der alles zerfetzt, zermahlt,
ein kräftiger, gefährlicher Motor,
für dessen Folgen niemand zahlt.

Das Kapital – seid faul, legt euch
in die großen Federbetten!
Geld ist Geld, reich ist reich,
doch kein Reichtum kann uns retten!

Nur Faulheit noch – nichts tun!
Nur Verzicht rettet das Leben!
Abwärts! Abwärts! Ruh’n, ja ruhn!
Nichts auf eitlen Luxus geben.

Unser Luxus das sind wir,
unser Körper, unser Geist
wer gierig ist der ist ein Tier,
das um leere Beutel kreist.

Es meint die Beutel seien voll,
sein Traum wächst immer mehr,
das Tier wird giftig, böse, toll,
es bricht sie auf – doch – alle leer!

Leer! – Alles leer und umsonst!
Die Kräfte – für nichts verausgabt,
Und kein Beutel mehr hier sonst,
das letzte Mahl – gehabt!

Auf und ab

Manchmal schwingen meine Gedanken
wie ein Pendel: Vor – zurück
vor – zurück Gedanken schwanken
was ist besser, wo keimt Glück?

Schlägt man ein den Weg nach rechts,
wird der Linke besser sein,
geht man rückwärts den von rechts,
fährt man links ins Unglück rein!

Wie man’s macht, ist immer schlechter,
als der allerbeste Zug,
immer wartet ein Gelächter,
grad auf den – den man schon schlug

Manchmal sind gar meine Gedanken,
einfach, zweifach, neunmal klug
Ideen die wie Efeu ranken,
steigen auf zum Höhenflug.

Worte die die Reime sprengen,
Metrik und den Rhythmus brechen
die mit Unter– Überlängen
laut von irgendetwas sprechen

Nennen tut man’s freie Verse
strenger, enger dann gebunden
Strophenformen gibts diverse
Viele hat man schon erfunden

Viele Muster, Berg und Tal
Wechsel zwischen stark und leicht.
Bestens wenn die Silbenzahl
sich in allen Strophen gleicht

Hin und her wird da gerechnet,
weil man Silben zählen muss
jeder Schwung ist wie berechnet
für den wirklich dicken Kuss.

Doch einen Kuss den muss man küssen
der ist nicht berechenbar
das sollte jeder, jede wissen:
Küssen – das ist wunderbar!

Achermittwoch

um Bild: Von Superbass – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=160767757

Nun nach Aschermittwoch
geht es in Köln wieder ruhiger zu
Wo es teuflisch nach Hölle roch
schnarchen die Narren, geben ruh.

Am Rhein ist es gerade so warm
windig auch doch schwerelos
tanzen die Wellen verspritzen Charme
und bald da fahren auch wir los,

zurück ins kühlere Stuttgart
dort ist das ganze Jahr sehr trist
kommt Narretei gar nie in Fahrt
wenn mans mit rheinischem Frohsinn misst.

Fird Wirdaberger isch scho narret,
wenn mer an d’Fasnet bloß denkd.
em Omzug d’Leid rom karred,
ond em Mädle a Zwengra schenkd!

Sonnengesang

Ich glaube übrigens, dass auch die Sterne
nicht immer nur glücklich sind –
so vereinsamt, getrennt, in weiter Ferne,
da weht doch sicher ein kalter Wind.

Manchmal sind auch Sterne wütend,
ein paar sogar ohne Grund.
Atome weiter in sich brütend –
läuft doch irgendwas nicht rund.

Ein Stern, ganz wütend, der rotiert,
rast hin und her im Raum,
verschluckt sich fast und explodiert –
der Koloss, er spürt es kaum.

Er spürt es nicht!
Vor dem uns graut.
Er lebt auch nicht
in einer Haut.

Er hat auch keine Augen, Ohren –
zu rund ist er dafür.
Oder Gott hat sie ihm abmontiert,
der Arme war danach… pikiert!

Er glüht auch bestimmt nicht aus Liebe,
das ist nur ein Plasmaball.
Er bläst oft Plasmaschübe
ins grenzenlose All.

Dem wird das auch nicht langweilig,
so jahrmillionen Jahre lang –
ich aber hab’s nun eilig:
Kling jetzt aus, mein Sonnengesang!

Hass aufs Alter

Lustig:

Tragisch:

Ich hasse es, mein Alter,
und die Erde ist auch verdreckt.
Himmel, Gott – großer Verwalter,
hast du das damals nicht gecheckt?

Dass deine Engel viel älter werden
und selbst die dümmsten Teufel.
Ich habe da viele Beschwerden,
ich habe erhebliche Zweifel.

Du hast die Engel für ewig erschaffen,
zum Trompeten, Jubilieren
und holtest uns heraus aus den Affen –
du hattest Lust zum Experimentieren.

Die Teufel sagt man, sind die Engel,
die mal was anderes spielen wollten.
Denen wuchs dann plötzlich ein Schwengel,
doch wussten sie nicht, was sie machen sollten,

mit diesem komischen Dingsda dran.
Da wurde einer so verrückt
und fing damit zu spielen an.
Gleich waren sie alle davon entzückt!

Dass sie sich die Hölle bauten –
nur wir bekamen das nicht mit.
Was die sich alles trauten!
Dass Gott die Führung fast entglitt!

Er musste sie in der Hölle binden,
aber ewig leben sie doch.
Die machen dauernd schlimme Sünden,
aber wir sitzen einsam im Loch

unserer ewigen Endlichkeit!
Gott – ich find das so ungerecht!
Korrigier das! Willst du dafür Zeit?
Ein Ja – das wäre nicht schlecht!

Oh Gott, was würde ich machen!
Erst mal hundert Jahre lachen!
Über die Erde, was sie da entfachen –
Kriege, Gier und blutige Lachen,

aus Verzweiflung, hilflosen Schreien,
sie folgen jeder Brut,
wollen sich befreien,
verlieren aber den Mut.

Die sind doch nie mit sich zufrieden,
die hängen sich auf – ohne Humor.
Tun immer so übertrieben,
als hätten sie tatsächlich vor,

was Nützliches zu tun,
nicht nur von ihren Taten zu sprechen.
Ich aber – ewig kann ich ruhn,
mir meinen Kopf darüber zerbrechen,

wie irre diese Menschen sind.
Ich fordere das ewige Leben!
Immer wieder mal ein Kind
und immer Gutes erleben!

Gott, das geht nicht, dass die Engel
ewig leben und wir nicht!
Gewiss, das gibt ein ziemliches Gedrängel –
dann blas die Welt auf, dass sie nicht bricht!

Wir brauchen einfach nur mehr Welt!
Gott, du hast doch alles bedacht!
Du hast doch Gleichungen aufgestellt –
irgendwann hast du irgendwo Fehler gemacht!

Ich weiß doch auch nicht, wo und wann,
versuch das bitte zu klären,
damit ich ewig leben kann.
Die Suche kann nicht ewig währen!

Du brauchst dafür nicht ewig Zeit!
Du schufst die Welt in sieben Tagen.
Ich geh dir jetzt zu weit?
Ich soll’s mir aus der Birne schlagen?

Nein, das ist mein Recht!
Will wie die Engel ewig leben
und auch so gut, nicht schlecht.
Ich will mich über die Welt erheben.

Will hinauf, hinaus ins All,
ewig fliegen dem Licht hinterher
viel, viel schneller als der Schall –
Gott! Wenn alles ewig wär!

Dann wär die Zukunft völlig leer!

Tropfen deuten

Ei, ich bin ein alter Mann,
der Tropfen lesen, deuten kann.
Auf dem Fensterbrett, ganz rund,
liegt er da — der neue Fund!

Die Tropfen – die sind sehr empfindlich,
drum gieße ich sie ungefähr stündlich
mit ganz kleiner Kanne, das ist klar,
Das geht mit Übung wunderbar.

Dann sehe ich sie genauer an,
ob man ne Ecke drin finden kann
die ohne Ecke, da läuft alles rund,
die Ecken nur, tun Geheimnisse kund.

Ich zähle sie langsam und genau,
sind sie spitzig oder recht rau?
die spitzigen Ecken bedeuten Krieg
die Rauen auch einen harten Sieg!

Wie und wann das kann man nicht sagen,
da müsste man andere Tropfen fragen,
weil die aber arme Tropfen sind,
deutet man am besten blind,

Sagt irgendwelche zukünftigen Jahre,
kratzt dabei auch noch öfter die Haare
Und deutet das die Tropfen sagen,
wir hätten einen leeren Magen!

Ein leerer Magen – ohne Tropfen!
Arme Tropfen sitzen hier!
Arme Tropfen – prost dem Hopfen!
Trinkt schnell ein großes Krüglein Bier!

Nach zwei. drei Stunden Tropfenkunde,
eröffnet der Kellner die Tropfenrunde
bei der man alles wieder vergisst,
was ein Kenner aus Tropfen liest.

Rührend

Ei, ich bin ein alter Mann,
dem man nicht vertrauen kann.
Was ich schreibe, was ich klage,
alles, was ich hier so sage –

nichts wird unvergänglich sein,
lädt nicht zur Veränderung ein.
Leben ist eben Abenteuer,
kalt ist es und auch ein Feuer.

Groß ist es und konzentriert,
kann es niemals fassen,
und wie schnell man es verliert!
So im Großen muss ich passen.

Doch vielleicht gelingt es noch im Kleinen?
Ins Kleine kann es doch noch passen,
zumindest kann es so scheinen
die Essenz dort noch zu fassen.

Wirbelstürme im Wasserglas,
Löffelrühren macht mir Spaß.
Diese kleine Welt in meiner Tasse
ist schon groß genug – denn ich erfasse

nur wenig von dem, was dort wirkt,
was dieser, jener Stoff bewirkt.
Für mich ist es nur Milch, nur Kaffee,
für einen anderen nur ein Tee.

Wie viele Stoffe schwimmen hier!
Und treiben es ständig miteinander,
Das bunte Chaos treibt die Gier
nach Elektronen zueinander.

Doch ein Wort soll es beschreiben!
Soll das was hier geschieht benennen,
Soll „es“ in die Enge treiben
so tun, als ob wir’s kennen!

Ein Wort nur für ein Stoffgemisch!
Was steht denn hier – auf diesem Tisch?
Eine kleine riesige Welt,
die auf ein Wort zusammenfällt:

Milchkaffee!

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