Stravinsky – „Le Sacre Du Printemps“ https://www.youtube.com/watch?v=CrBt_D-iJjg&list=PLeJRCxHGs9sGTcBSJ9NjCuQJWv1BdR_fb&index=5 auch https://www.youtube.com/watch?v=aAQSQYdMeRQ

Das Eis der Flüsse knistert,
knackt, kracht und bricht entzwei,
die Schollen drängen nordwärts,
an langen Ufern vorbei.

Vögel fliegen von Süden ein,
es zwitschert wieder im Wald,
Sonne fällt in den Schnee hinein
und löst ihn auf ohne Halt!

Nur kurze Zeit noch! Geschmolzen
springt der Schnee in den Bach,
sieht man ihn sich über Steine wälzen,
sprudelt zusammen, wächst hundertfach.

Schnell, so schnell erblüht es,
keiner trauert und liegt brach.
Licht, die Sonne gießt es,
wirft es einem jedem nach.

Voller praller Sonne, wildem Spiel,
fehlt bald das Eis, die Blüte bricht,
alle überwältigt Gefühl,
alles will Licht, mehr Licht!

Leben explodiert, drängt und rast nach oben,
zetert, trillert, quakt und schnattert.
Licht, Strahl um Strahl! Hinausgeschoben
wird Blatt um Blatt. Ein Eichhorn ergattert

seine erste Nuss, herausgehoben
hat sich ein Keimling aus dem Samen,
öffnet breit sein Blatt zur Sonne,
sprosst hoch, sprengt seinen Rahmen.

Die Herzen hüpfen, tanzen, alles springt,
alles lacht, erschlägt seine Sorgen,
alles gelingt, es wächst, gedeiht und singt.
Jeder Tag ist voll, ein immer neuer Morgen.

Göttin Frühling, wie bist du so groß!
Du hast ja alles überflutet mit Werken!
Komm, binde uns die Winterfesseln los!
Halt deine Kraft nicht mehr verborgen!

Sei zugeneigt, uns gnädig,
gib uns ein leichtes, lichtes Los!
Sei mit uns morgens früh schon tätig,
zieh munter mit zum Säen los!

Erbarme dich und schenk für immer
so herrlichen Beginn am Tag.
Doch Ängste schick sie nimmer!
Send keine Krankheit, keinen Schlag!

Kein Verderben! – Diese Welt sei grün!
Wir müssen ihre Wallung bewahren,
fröhlich feiern, Furchen ziehen,
unsere Göttin soll sich offenbaren!

Sendet zu ihr eine mutige Seherin,
ein junges, unbeschwertes Mädchen,
hinauf zur großen Göttin hin,
als Weihgeschenk von Land und Städtchen.

Sendet sie, dass sie erfleht
weiter herrliche, schöne Tage,
dass es weiter – Prost! – so blüht,
weiter glänzt in herrlicher Lage!

Wie können wir die Götter erreichen?
Wer darf von uns zu ihnen ziehn?
Wann, auf welches Zeichen?
Welche von uns ist so kühn?

Seht! Keine will das Opfer sein!
Alle fliegen schnell aus dem Kreis.
Priester rennen, fangen ein,
alle rufen: „Um keinen Preis!“

Wie Vögel, die ins Weite ziehen,
stoben die Mädchen auseinander!
Eine davon, die hilft kein Fliehen,
umkreisen die Alten eng beieinander.

Versperren wie Adler ihren Weg
und jagen sie zurück zur Mitte.
Sie findet keinen Ausweg,
ihr hilft auch keine Bitte.

Tanzen muss die Junge, Schöne!
Reine Magd, durchjag den Abend,
durchjagt die finstere Nacht,
jagt auch am frühen Morgen.
Fall erst mittags in gleißender Pracht!

Damit die Götter, die große Göttin,
sich versöhnt mit ihrem Stamm, der Erde,
gibt sie sich tanzend hin,
nimmt auf sich schwere Bürde.

Tanzen muss sie, wirbeln,
wie Shiva durch das Chaos reiten,
schnell, ganz eng um die Achse zwirbeln,
ihre Arme ganz weit ausgebreitet.

Langsamer werden, höher springen,
rasend um den Tanzplatz sausen,
sich verbiegen, sich verschlingen,
Haare, Locken, Kleidung zerzausen.

Löst den Schopf, sie dreht,
wirbelt die Haare im Kreis herum.
Sturmwind, der durch sie weht,
schnellt gerade, klappt sich krumm.

Springt hoch, verschwendet
im Zusammenbruch ihr Leben.
In Trance, zitternd überwindet
sie den Abgrund, fliegt, bebt,

wankt, schwankt, fällt,
zitternd Schritt nach Schritt,
erschöpft zu Boden knallt –
dumpf. Ihr Körper kommt nicht mit!

Doch ihre Seele jagt nach oben, zittert,
sie fasst der Göttin Hand!
Donnern, Grollen, Erschüttern!
Sie steht im anderen Land!

Die Göttin küsst und grüßt sie,
umarmt sie, erfüllt sie mit Glück.
Nur ihren leeren Leib ließ sie,
Göttin nun selbst – zurück!